Navigationssysteme und Orientierungssinn

Immer dem Navi nach
Kurzfassung des Artikels aus "Gehirn und Geist" 9/2015
von Stefan Münzer

Lässt man sich mit einem Navigationsgerät zu einem Ziel führen, beschleicht einen leicht das Gefühl, nichts über die Gegend zu wissen, durch die man gefahren ist. Schadet es dem Orientierungssinn, wenn man sich beim Navigieren auf die komfortable Technik verlässt?

Beim Navigieren setzen Personen unterschiedliche Strategien ein. Manche merken sich nur den Weg (Routenwissen) und könnten bestenfalls denselben Weg zurück nehmen. Manche streben einen Überblick über die Umgebung an. Dabei versuchen sie, die räumlichen Beziehungen zwischen markanten Plätzen zu verstehen (mentale Karte). Nur mit einer mentalen Karte kann man neue Wege gehen, ohne sich zu verlaufen. Dabei hilft der "Orientierungssinn": Er ist das Wissen darüber, in welcher Richtung sich relevante Ziele von der eigenen Position aus befinden, wenn man sich selbst durch eine Umgebung bewegt. Menschen scheinen ihren Orientierungssinn realistisch beurteilen zu können. Wer ihn für gut hält, kann auch Richtungen zu vorgegebenen, nicht sichtbaren Zielen besser schätzen. Der selbst beurteilte Orientierungssinn wird mit einem von uns entwickelten Fragebogen erfasst.

Im Rahmen des GESIS Panels (ermöglicht durch das GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Mannheim) befragten wir 2014 eine repräsentative Stichprobe mit rund 4.000 Teilnehmern dazu, wie häufig sie gedruckte Karten, Navigationsgeräte oder Routenplaner nutzen und für wie gut sie ihren Orientierungssinn halten. Ältere Personen verwenden häufiger gedruckte Karten als jüngere Personen, letztere nutzen öfter das Smartphone für die Navigation. Keine Altersunterschiede gibt es bei der mobilen Navigation im Auto   diese Anwendung hat sich generationenübergreifend durchgesetzt. Personen, die sich oft von einem GPS-System leiten lassen, bewerteten ihre Fähigkeit, sich zurechtzufinden, nicht schlechter als jene, die solche Geräte selten verwenden. Das lässt vermuten, dass Navigationsgeräte die Orientierungsfähigkeit an sich nicht schmälern.

Gleichwohl zeigen Studien, dass man weniger über die Umgebung lernt, wenn man ein Navigationssystem verwendet. Bevor es Navigationssysteme gab, war man gezwungen, sich anhand von Straßenkarten zu orientieren. Die Karten stellen räumliche Informationen unabhängig vom Standort des Benutzers dar. Er muss die nach Norden ausgerichtete Karte zunächst mit der eigenen Position und Blickrichtung vergleichen. Außerdem muss die optimale Route selbst geplant werden. Das ist mental aufwändig, hat aber Vorteile: Durch aktives Lesen der Karte gewinnt man ein gutes Überblickswissen.

Navigationssysteme berechnen Standort und Route, richten die Karte aus und geben Abbiegeanweisungen. Auf diesen Komfort möchte kaum einer mehr verzichten, obwohl man verglichen mit Karten weniger lernt, wie wir in einer Studie bereits 2006 zeigten. In einer weiteren Studie von 2012 untersuchten wir, ob die Anzeige der Navigationsgeräte verbessert werden könnte, ohne auf wesentliche Funktionen zu verzichten. In der Studie erhielten Fußgänger eine geführte Tour durch eine unbekannte, reale Umgebung. Bei einer Gruppe zeigte das Navigationssystem nur die aktuelle Kreuzung mit Abbiegepfeil (Routenbedingung). Eine zweite Teilnehmergruppe sah auf dem Display eine schematische Karte, die stets nach Norden ausgerichtet war (Kartenbedingung). Ein Punkt zeigte jeweils die aktuelle eigene Position. Und bei einer dritten Gruppe war die eigene Position immer als die Bildschirmmitte definiert. Um den Punkt herum waren nur die Ziele eingezeichnet, wobei sich die Ausrichtung stets anpasste (Kompassbedingung). Diese Ansicht vermittelt Orientierung (Richtungsinformation) in Relation zur eigenen Position. Später zeigten wir den Teilnehmern Bilder von Kreuzungen und forderten sie auf sich zu erinnern, wie sie abgebogen waren (Test des Routenwissens). Außerdem ließen wir sie aus dem Gedächtnis eine Kartenskizze zeichnen und die Richtungen zu den besuchten Zielen schätzen (Tests der mentalen Karte). Im Schnitt fertigten Teilnehmer der Karten- und Kompassbedingung gelungenere Kartenskizzen an und schätzten die Richtungen besser als Teilnehmer der Routenbedingung. Sie hatten also ein besseres räumliches Wissen über die Umgebung erworben. Im Routenwissen unterschieden sich die Gruppen übrigens nicht. In einem aktuellen DFG-Projekt in Kooperation mit der Geoinformatik in Münster (Prof. Angela Schwering) gehen wir diesen Optimierungsmöglichkeiten für Navigationssysteme weiter nachder Projekttitel lautet treffend „Wayfinding Through Orientation“ (WayTO).

 

Literatur und Links

Münzer, S., Zimmer, H. D., & Baus. J. (2012). Navigation assistance: A trade-off between wayfinding support and configural learning support. Journal of Experimental Psychology: Applied, 18(1), 18-37. doi: 10.1037/a0026553

Münzer, S. & Hölscher, C. (2011). Entwicklung und Validierung eines Fragebogens zu räumlichen Strategien (Development and validation of a self-report measure of spatial orientation). Diagnostica, 57 (3), 111-125.

Münzer, S., Zimmer, H. D., Schwalm, M., Baus, J., & Aslan, I. (2006). Navigation assistance and the acquisition of route and survey knowledge. Journal of Environmental Psychology, 26, 300-308.

Gesis Panel: http://www.gesis.org/unser-angebot/daten-erheben/gesis-panel/general-overview/

 

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